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Symposien und Konferenzen

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Pluralismus der Sprachen und Globalität der Wissenschaft

03.07.1999

Abriss

Als deutsches Forschungsinstitut sieht sich das DIJ häufig vor die Frage gestellt: Sollen wir in unseren Veranstaltungen und Publikationen das Deutsche pflegen, oder wäre es besser, auf das Englische zurückzugreifen? Stirbt Deutsch als Wissenschaftssprache allmählich aus, wenn wir uns zunehmend der allgemeinen Entwicklung anpassen, nach der auch in der Wissenschaft das Englische zur lingua franca wird? Haben wir überhaupt eine Chance, als Wissenschaftler wahrgenommen zu werden, wenn wir uns nicht über das Englische bemerkbar machen? Und was bedeutet es für eine Sprache, wenn sie in wichtigen Lebensbereichen nurmehr mittels einer fremden Sprache ‚funktioniert‘? Diese Fragen stellen sich mit wachsender Dringlichkeit nicht nur in Deutschland und in Japan, sondern in nahezu allen nicht-englischsprachigen Ländern.

Zu diesem Thema veranstaltete das DIJ gemeinsam mit dem Goethe-Institut Kansai am 3. Juli in Kyōto ein Kolloquium, konzipiert von Ken’ichi Mishima (Universität Ōsaka) und Irmela Hijiya-Kirschnereit (DIJ), das auf großes Interesse stieß. Gut 200 Köpfe zählte das Publikum. In vier Vorträgen wurde die Thematik aus Perspektiven wie Wissenschaftsgeschichte, Philosophie und Soziolinguistik sowie vor dem Hintergrund verschiedener Sprachkulturen (Japanisch, Deutsch, Romanische Sprachen und Koreanisch) beleuchtet. Der Wissenschaftshistoriker Yōichirō Murakami (International Christian University ) erläuterte in seinem Referat über „Die lingua franca in den Naturwissenschaften“ den Abstand zwischen Alltagserfahrung und wissenschaftlicher Erklärung bzw. die Differenz von Wissenschafts- und Allgemeinsprache, charakterisierte das Wissenschaftler-Englisch als „unabhängigen Sprachraum“, der gleichwohl wesentlich attraktiver als die Kunstsprache Esperanto sei, und wies auf historische Parallelen hin. Wie in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, so mußte sich in Japan im Zuge der Meiji-Modernisierung die Landessprache erst als Wissenschaftssprache herausbilden. Die Soziolinguistin Lee Yeounsuk (Hitotsubashi Universität) zeigte in ihrem Referat zum Thema „Ethnizität und Universalität in den Wissenschaftssprachen“ am Beispiel des ostasiatischen Kulturkreises, welche Rolle die seinerzeit auch politisch-militärisch gestützte Vorrangstellung des Japanischen für die Modernisierung des Koreanischen und Chinesischen spielte. Der Semiotiker und Wissenschaftshistoriker Jürgen Trabant (Freie Universität Berlin) verband in seinem Beitrag unter dem Titel „Universalität der Wissenschaft – Individualität der Sprachen“ einen Blick auf das vom Lateinischen geprägte Mittelalter mit einer kritischen Sicht auf die Gegenwart: Zwar seien die Vorteile der Diglossie offensichtlich, doch in sozialer Hinsicht ergäben sich Probleme: Die Volkssprache tendiere dazu, wie im Mittelalter wieder zur Sprache der Dummen zu werden, das Englische zur Sprache der Schlauen. Außerdem führe sie zu einem Prestigeverlust für die nationale Standardsprache. Hasumi Shigehiko, Romanist und Präsident der Universität Tōkyō sowie der japanischen Rektorenkonferenz, erwies in seinem elegant formulierten Referat „Über die Aufteilung des Raumes“ der deutschen Geisteswelt mit Überlegungen zu den je nach Sprache unterschiedlichen Wirkungsdimensionen von Hannah Arendts im Exil verfaßtem Hauptwerk seine Reverenz. Das Englische in Form des Broken English, der geschichtslosen Sprache „ohne Eigenschaften“, habe nichts mehr mit der Sprache von Shakespeare und Dickens gemein. In der anschließenden lebhaften Podiumsdiskussion, an der sich auch der Phänomenologe Washida Seiichi (Universität Ōsaka) und der Sozialphilosoph Mishima beteiligten, wurden u.a. Vorschläge zum Umgang mit der „unerträglichen Einseitigkeit der Kommunikation“ (Trabant) erwogen. – Eine Veröffentlichung der Konferenzbeiträge in japanischer und in deutscher Sprache ist vorgesehen.

Programm

Begrüßung
Reinhard Dinkelmeyer, GI Kansai und I. Hijiya-Kirschnereit, DIJ Tōkyō
Die lingua franca in den Naturwissenschaften
Yōichirō Murakami (International Christian Universität)
Ethnizität und Universalität in den Wissenschaftssprachen
Yeounsuk Lee (Hitotsubashi Universität)
Universalität der Wissenschaft - Individualität der Sprachen
Jürgen Trabant (Freie Universität Berlin)
Über die Aufteilung des Raumes
Shigehiko Hasumi (Universität Tōkyō)
Podiumsdiskussion
Seiichi Washida (Universität Ōsaka), Kenichi Mishima (Universität Ōsaka), Yōichirō Murakami (International Christian Universität) , Yeounsuk Lee (Hitotsubashi Universität) , Jürgen Trabant (Freie Universität Berlin), Shigehiko Hasumi (Universität Tōkyō) , Moderation: I. Hijiya-Kirschnereit (DIJ Tōkyō)
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