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Dr. Andrea Germer

( 01.09.2001 - 30.06.2007 )

Geschlechterforschung, Geschichte

  • Gender Studies und Frauengeschichtsschreibung in Japan
  • Internationale feministische Theorie
  • Soziale Bewegungen

Historische Frauenforschung in Japan

Seit den 1980er Jahren ist die Publikationstätigkeit in der feministischen Geschichtsschreibung in Japan sprunghaft angestiegen. Allein zwischen 1982 und 1987 erschienen der Bibliographie Nihon joseishi kenkyū bunken mokuroku zufolge ca. dreitausend Veröffentlichungen zum Thema Frauengeschichte. Bislang gibt es in westlicher Sprache, abgesehen von zwei Aufsätzen, keine wissenschaftsgeschichtliche Studie, die in Form einer systematischen Untersuchung einen umfassenden Überblick gibt. Hier soll zunächst ein Abriß der akademischen und außerakademischen Entwicklungen in diesem relativ neuen Forschungsfeld erarbeitet und vorgestellt werden.

Geschlechtliche und kulturelle Selbstkonstituierungen

Der Forschungsschwerpunkt am DIJ beschäftigt sich u.a. mit der Frage, wo sich in der Theoriebildung japanischer Wissenschaften eine Abwendung vom Westen bzw. eine Hinwendung zu einer als autochthon verstandenen „asiatischen“ oder „japanischen“ Forschung zeigt. Mein Arbeitsvorhaben ist wissenschaftsgeschichtlich angelegt. Darin sollen die Genese der feministischen Geschichtsschreibung seit 1945 und ihre Vorläufer seit Beginn des Jahrhunderts beschrieben, die Entwicklungsphasen und deren Diskurse verdeutlicht werden. Das besondere Augenmerk richtet sich dabei auf den Umfang und die Qualität der Anleihen aus der westlichen Theoriebildung ebenso wie auf die Selbstkonstituierung der Disziplin als „japanische Frauengeschichte“.

In der feministischen Geschichtsschreibung finden wir im allgemeinen die Tendenz, eine angenommene Identität „Frau“ geschichtlich sowohl zu rekonstruieren als auch sie zu dekonstruieren. Für die Historische Frauenforschung in Japan (wie im übrigen auch in anderen nicht-westlichen Ländern) kommt die kulturelle Komponente in Form der geschichtlichen Rekonstruktion oder Dekonstruktion der „japanischen Frau“ oder einer japanspezifischen Frauengeschichte hinzu. Hier sollen die impliziten und expliziten wissenschaftsgeschichtlichen Positionen der Pioniere der Frauengeschichtsforschung, insbesondere der Laienforscherin Takamure Itsue (1894-1964), sowie die geschichtstheoretischen Diskussionen seit den 1970er Jahren unter der Fragestellung nach der kulturellen und geschlechtlichen Selbstkonstituierung und/oder einer auf Werte bezogenen „Selbstbehauptung“ hin untersucht werden.

Geschlecht und Nation im Japan der Kriegszeit

Die feministische Theorie und Geschichtsforschung beschäftigt sich im Hinblick auf die Nation und vor allem auf Nationalismen nicht mehr nur mit Fragen der Ausschließung von Frauen, sondern ebenso mit dem Phänomen ihrer widersprüchlichen Integration in soziale, politische und kulturelle Systeme. Anderson hat in seiner maßgeblichen Studie über die “vorgestellten Gemeinschaften” auf die Funktion von Geschlecht nur im Hinblick auf die Fraternisierung der Brüder hingewiesen. Die feministische Forschung nach ihm hat gezeigt, daß die Imagination und Reproduktion eines Nationalcharakters und einer dezidiert binären Geschlechterordnung nicht nur gleichzeitig entstanden, sondern zur wechselseitigen Repräsentation unerläßlich waren (und sind).
Im Rahmen des DIJ-Projekts „Asiatische Selbstbehauptungsdiskurse“ fragt Andrea Germer nach dem Zusammenhang von Geschlecht und Nation im Japan der Kriegszeit. Für die Analyse bieten sich zwei zentrale Ansatzpunkte: zum einen eine Untersuchung der Kollaboration zahlreicher Feministinnen der Vorkriegszeit, die der Regierung schließlich auf ihrem imperialistischen und kaisertreuen Kurs folgten und eine aktive Rolle darin spielten. Der Motor der Kollaboration sowohl für staatsbejahende als auch für staatskritische Feministinnen, für ausgesprochene Maternalistinnen und gleichermaßen für Frauen geschlechtsegalitärer Ausrichtungen innerhalb der japanischen Frauenbewegung der Vorkriegszeit scheint die Aussicht auf Bürgerrechte (citizenship), d.h. auf Teilhabe an gesellschaftlicher und politischer Macht, im Nationalstaat gewesen zu sein. Erste Ergebnisse dieser Untersuchung wurden auf dem 3. Symposium „Asiatische Selbstbehauptungsdiskurse“ im Dezember 2002 in Erlangen (vgl. Newsletter 18) vorgestellt.
Zum anderen ist zu untersuchen, wie Frauen und Männer sich im Rahmen der internationalen Konkurrenz und Auseinandersetzung auf unterschiedliche Weise in das nationale Projekt einfügten und welche Identifikationsmuster ihnen dabei angeboten wurden. Hierbei bietet das offizielle Organ der gleichgeschalteten Frauenorganisation Dai Nippon Fujinkai, die Zeitschrift Nippon fujin („Die japanische Frau“, 1942-1945), reichhaltiges Anschauungsmaterial für die Frage nach Kohärenz und Widersprüchlichkeit solcher Identifikationsmuster, die Frauen einer Kriegsnation von seiten des Staates angeboten werden. Bereits bei der ersten Sichtung dieser staatlichen Frauenzeitschrift wird deutlich, daß im männlich dominierten Prozeß der Nationsbildung Frauen und geschlechtliche Repräsentationen ein unerläßliches Element bilden, das sowohl auf die Strukturierung im Inneren als auch auf die Abgrenzung nach außen abzielt. Eine detaillierte Analyse von Texten und Bildmaterial dieser bisher sowohl in der japanischen wie in der westlichen Forschung wenig beachteten historischen Quelle soll zur Klärung der Frage nach dem diskursiven Zusammenhang von Geschlecht, Nation und Krieg beitragen.

Abgeschlossene DIJ Projekte

Publikationen

Bücher

(2003)
Historische Frauenforschung in Japan - Die Rekonstruktion der Vergangenheit in Takamure Itsues "Geschichte der Frau" (Josei no rekishi).
München: iudicium Verlag. 425 S.

Herausgeberschaft

Artikel

Rezensionen

Arbeitspapiere

Sonstige Publikationen

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